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- Tonus -
von Kazuo Katase
Installation vor dem Neurozentrum

Kunst im öffentlichen Raum

Universitätsklinikum Freiburg, vor dem Neurozentrum, Breisacher Straße 64

Kazuo Katase - Tonus

wie kam es - wo ging es hin

Das Kunstwerk und seine Geschichte

Durch den Bau des Neurozentrums (1994), angrenzend an die HNO- und die Augenklinik, mußte, wie für jeden städtischen Bau, ein gewisser Prozentsatz der gesamten Baukosten für die Kunst im Innen- und Außenbereich zur Verfügung gestellt werden. Für das Neurozentrum standen 700.000 DM (ca. 358.000 Euro) zur Verfügung, diese unterteilten sich in 340.000 DM (ca. 175.000 Euro) für den Außenbereich und 360.000 DM (ca. 184.000 Euro) für die patientenrelevanten Zonen im Innenbereich.

Für die Gestaltung des Innenbereichs wurde ein offener Wettbewerb ausgeschrieben, an dem 127 Künstler aus Baden-Württemberg teilnahmen. Fünf dieser Entwürfe wurden modifiziert realisiert, die Restsumme wurde für Einzeleinkäufe genutzt.

Für den künstlerischen Beitrag zur Gestaltung des neuen Haupteinganges zu den westlichen Universitätskliniken und des Vorplatzes des Neurozentrums bat die Kunstkommission vier Bildhauer, Maler und Objektkünstler der jüngeren Künstlergeneration, allesamt Documenta-Teilnehmer, Vorschläge zu unterbreiten.

  • Anthony Cragg (geb. 1949 in Liverpool), lebt seit 1977 in Deutschland
  • Professor Günther Förg (geb. 1952) mit Wohnsitz in Freiburg i. Brsg. und Areuse / Schweiz
  • Kazuo Katase (geb. 1947 in Shizuoka / Japan), seit 1976 in Kassel ansässig
  • Professor Ansgar Nierhoff (geb. 1941), lebend in Mainz

Die Kunstkommission entschied sich für den Entwurf "Tonus" (Spannung) von Kazuo Katase, der überzeugend die räumliche Gegebenheiten des Aufstellungsortes in seine künstlerische Arbeit integrierte.

Das Konzept "Tonus" besteht aus drei aufeinander bezogenen Elementen: einem ca. 15 m hohen, scheinbar vom Abhang vor dem Gebäude herabrollenden Reif, der auf einem gerosteten Metallkeil aufliegt. Der Keil scheint den Reif zu stoppen und in Balance zu halten. Vor dem Haupteingang in der Mitte des Vorplatzes ist eine schwarze Granitkugel (Durchmesser ca. 1 m) mit eingraviertem Stern plaziert, im Zentrum des runden Wasserbeckens vor dem Neurozentrum das dritte Element, eine Halbkugel aus schwarzem Granit mit horizontal vertiefter Oberfläche (Durchmesser ca. 1 m).

 

Der Ring

Mit einem rechteckigem Querschnitt von 30 x 75 - 100 cm (kurzer Hohlzylinder) und einem Durchmesser von 15 m.
Verzinkter Stahl, Aluminiumblech.
Gelb im Eloxalverfahren, fängt intensiv Licht auf, strahlt Energie aus.
Schwarz im Einbrennlackierverfahren, bildet einen ruhigen, meditativen Pol dagegen.

 

Der Keil

Länge 4 m, Breite 1 m, Höhe 1 m.
Verschweißte Stahlbleche, Durchmesser = 15 mm, gerostet.

 

Die Kugel mit Stern

Durchmesser 1 m.
Schwarzer Granit, poliert.
Eingravierter Stern, Durchmesser ca. 7 cm, vertieft.

 

Die Halbkugel mit tief zurückgesetzter Oberfläche

Durchmesser 1 m.
Schwarzes Granit, poliert.
Zurückgesetzte Oberfläche ca. 7 cm Tiefe.
Der schwarze Granit, magmatisches Tiefengestein, verdichtet die kontemplative Spannung der Gesamtheit - TONUS.

 

Technische Ausführung Ring und Keil

Der Ring hat einen rechteckigen Querschnitt von 30 x 75 - 100 cm (kurzer Hohlzylinder) und einen Durchmesser von 15 m.

Die tragende Konstruktion besteht aus zwei Ringen IPBL 260, H = 25 cm, die untereinander im Abstand von 50 cm mit Profilen U 50/25 verbunden sind, zur Aussteifung und als Hilfskonstruktion für die Beplankung.

Bei einem Radius von 7,50 m ist die Krümmung noch so gering, daß die Profile vorgewalzt als Kreissegmente gefertigt werden konnten. Die Ringe wurden aus Transport- und Gewichtsgründen in 4 Segmente von 10,60 m Länge und ca. 2,40 m Höhe geteilt. Sie erhalten Kopfplatten und wurden vor Ort verschraubt. Alle Stahlteile wurden zum Schutz vor Korrosion verzinkt ausgeführt. Nachdem die Beplankung angebracht wurde, sind sie schwer zugänglich.

Die Verkleidung aus Aluminiumblechen, farbig eloxiert bzw. einbrennlackiert (2 Farben), wird zu beiden Seiten aus U-förmig gekanteten Blechen in Kreissegmentform hergestellt. Die innere und äußere Mantelfläche wird mit Blechen beplankt, die exakt bündig mit den Kanten abschließen. Die Bleche werden werkseitig vorgewalzt, damit sie sich der Rundung spannungsfrei und ohne Wellenbildung anpassen. Bei unsichtbarer Befestigung - Verschraubung an rückseitig angeschweißten Laschen oder Winkeln - ergibt sich ca. alle 70 cm eine Stoßfuge (Armlänge des Monteurs). Die Bleche sind mindestens 1,5 - 2,0 mm dick, damit sie ausreichend stabil gegen Verformungen und mechanische Beanspruchung sind. Im unteren Bereich des Ringes wird ein Segment als Stahlblech eingelegt, um Beschädigung durch Betreten zu vermeiden.

 

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Die Bedeutung des Kunstwerks

Die Skulpturengruppe "Tonus" von Kazuo Katase besteht aus drei miteinander zusammenhängenden Teilen.

Zum einen haben wir den gelb-schwarzen Kreis mit Keil, der zur oberen Hälfte schwarz und zur unteren gelb ist. Diese zwei Farben symbolisieren die positiven wie auch die negativen Seiten unseres Lebens. Die Aufteilung in positiv und negativ steht für fernöstliche Lebensphilosophie. In dieser Lehre besitzt der Mensch im Inneren sowohl eine positive wie auch eine negative Seite. Die Farbe Gelb steht für das Positive und Schwarz für das Negative im Menschen. Nur durch ständige Spannung der beiden Seiten, das Ringen um das Gleichgewicht, ist der Mensch gesund. Sobald das Ganze jedoch aus dem Gleichgewicht kommt, wird der Mensch krank. Die gelbe Farbe steht für Energie und Aktivität, das Schwarz hingegen für Ruhe und Entspannung. Das Schwergewicht wurde bewußt nach oben gestellt, damit die Bewegung des Ringes deutlich wird und der in Beziehung dazu stehende Keil, der den rollenden Ring anhält. Dadurch wird die physikalische Spannung sichtbar.
Der Keil, der den Ring hält, symbolisiert den Arzt. Bei Krankheit sucht der Mensch (Ring) den Arzt (Keil) auf und der Arzt heilt den Menschen, hält ihn somit im Gleichgewicht, stabilisiert und kontrolliert ihn. Die gewählte Position des Ringes greift die Energie des Ortes auf.

Die Kugel mit dem eingravierten Stern antwortet dem Ring. Die Kugel ist der Kern, mit dem Stern stellt er die für den Menschen angestrebte Einheit des Mikro- und Makrokosmos dar. Die Kugel ist die kleine Welt (Mikrokosmos), der Stern symbolisiert das Universum, d.h. die große Welt, also den Makrokosmos. Die Kugel befindet sich im Zentrum des Neurozentrum-Vorplatzes und bildet mit der Position des Rings und dem Keil eine weitere Achse eines imaginären Dreiecks.

Die Halbkugel hat eine tiefgesetzte Oberfläche. Die Umrandung ist ca. 1,5 m hoch. Die Halbkugel wird von der fernöstlichen Philosophie wie auch von Kazuo Katase als Gefäß bezeichnet. Durch die tiefergesetzte Oberfläche wird Regenwasser aufgefangen, das anschließend durch die Sonneneinstrahlung wieder verdunstet. Dies stellt das ständige Geben und Nehmen in jedem Kreislauf dar. Das Gefäß ist als Symbol des Menschen zu verstehen. Der Mensch besitzt die Fähigkeit zu geben und zu nehmen, eine für viele Menschen wünschenswerte Fähigkeit. Die Halbkugel wurde in der Mitte des Brunnen plaziert und stellt durch die Verbindung des Tonus wieder einen Keil, also eine stabile Einheit dar. Eine andere, interessante Beobachtung ist, daß der Reif und die Kugel zugleich in der Halbkugel integriert sind. Die tiefergesetzte Oberfläche stellt durch seine Umrandung den Reif dar und die Kugel ist das Ganze einer Halbkugel.

Der Brunnen, der eigentlich ein Wasserbecken ist, fängt die Dynamik des heranzurollen drohenden Reifes auf. Die runde Form des Wasserbeckens und seine Ausmaße findet man im Reif wieder. An dem Punkt, an dem sich die Wegachse zur Breisacher Straße und der Medizinischen Klinik mit der Ost-West-Achse schneidet, entstand der Vorplatz des Neubaus des Neurozentrums. Folge ist, daß dieser Weg sehr stark frequentiert ist. Dennoch wurde das Ziel erreicht, dem Platz einen ruhigen, meditativen Charakter zu geben. Unterstützt wird dies u.a. durch die umgebende Grünfläche und die Bäumen, durch den naturnahen Granitbelag und durch die Ausrichtung der Sitzbänke auf das Innere des Platzes.

Die Errichtung der Skulpturengruppe mit seinen drei Elementen erfolgte vom 6. bis 10. November 1995 in Anwesenheit des Künstlers. Viel Fingerspitzengefühl und modernste Technik waren für den Aufbau des Reifes nötig. Der Reif besteht aus vier zusammengesetzten Teilen, jedes wiegt 8 Tonnen.

Die Aufstellung der Skulpturengruppe in Bezug zum Umfeld

In Größe und Anordnung der verschiedenen Elemente hat Katase die Gestaltung des gegebenen Raumes aufgegriffen. Die Plastik wirkt in sich und nach außen harmonisch, aber gleichzeitig dynamisiert sie ihr Umfeld. Der Reif befindet sich an der höchsten Stelle des Vorplatzes. Für den Betrachter wirkt der Reif nicht ruhend, da der Reif am Hang aufgestellt wurde. Nur der Keil kann ihn in Ruhe halten. Es scheint, als würde er ihn stoppen. Das runde Wasserbecken, in dessen Mitte sich die Halbkugel befindet, liegt in der Ebene vor dem Haupteingang des Neurozentrums, am tiefsten Punkt der Platzanlage.

Dieses Zusammenspiel von Ruhe und Bewegung drückt einerseits Dynamik und Harmonie aus, andererseits gibt es die Ebene, die dem ganzen den Schwung nimmt.

Ein weiterer Bezugspunkt der Plastik zum Umfeld ist, daß die Traufhöhe des fünfgeschössigen Neurozentrums mit der Höhe des Reifs übereinstimmt, beide sind beide 15 m hoch. Der Reif und der Neubau stehen mit ihrer Längsseite zueinander, sind aber nicht parallel. Würde der Reif in Bewegung geraten, so würde er genau am Neubau des Neurozentrums in Richtung HNO-Gebäude vorbeirollen.

Die Fensterrahmen des Neubaus sind im selben Gelb gehalten, wie der Reif. Doch hierüber ließ sich kein Zusammenhang feststellen; es scheint, daß dies zufällig geschehen ist.

Die Kugel wurde im Mittelpunkt des Vorplatzes vor dem Haupteingang aufgestellt. Die Ausrichtung des Sternes zeigt zu Katases zweitem Werk in Freiburg (Stimme vom Berg), doch dies ist ebenfalls zufällig, da diese Plastik erst Jahre später entstanden ist. Über den genauen Grund der Ausrichtung ist nichts veröffentlicht worden. Die Halbkugel befindet sich im Zentrum des Brunnens. Der Brunnen selber wurde nicht von Kazuo Katase konzipiert, aber er bezog ihn bei der Aufstellung seiner Skulpturengruppe so mit ein, daß man denken könnte, der Brunnen sei ein Werk Katases.

 

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Der Künstler

Kazuo Katase (www.kazuo-katase.com) wurde 1947 in Shizuoka, Japan geboren. Seit 1976 lebt und arbeitet er in Kassel. Durch Klaus Hoffmann (www.klaus-hoffmann.com) ist Kazuo Katse nach Deutschland gekommen. Klaus Hoffmann lud Kazuo Katase mit einem Stipendium nach Wolfsburg ein, nachdem er einige seiner Werke in Japan gesehen hatte. Bei einer Kunstausstellung auf dem Göttinger Kunstmarkt lernte er Floris Neusüss (ms-collection.de/artists/bio/neusuess.htm) kennen, der ihn aufforderte, in Kassel zu studieren, was er anschließend auch machte. Kazuo Katase hat seine Existenz in Japan abgeschlossen und hat hier angefangen. Während dieser Zeit war für ihn die existentielle Frage sehr schwierig, doch bald fing Kazuo Katase an, sich zu emanzipieren und zu sich selbst zu kommen. Kazuo Katase lebt in Kassel, weil es für ihn wichtig ist, daß er ruhig arbeiten, sich konzentrieren und sich selber finden kann. In Kassel kann Kazuo Katase die Sehnsucht nach seiner Kindheit spüren, es ist noch etwas von Geborgenheit da, aber er hat die Freiheit, sich zu entwickeln. Seine Lebenspartnerin Irene Adelmann ist zugleich auch seine Organisatorin. Kazuo Katase und Irene Adelmann haben sich zusammen entwickelt, haben sich konzentriert und beide eine Abhänigkeit entwickelt, man könnte es eine Schicksalsgemeinschaft nennen. 1978 kehrte Kazuo Katase das letzte Mal nach Japan zurück, was jedoch eine große Enttäuschung war. Kazuo Katase konnte sich nicht identifizieren, der Freiraum als Autodidakt zu arbeiten ist in Japan nicht gegeben. In Japan muß man sich nach den geregelten System richten, um etwas zu erreichen. In Deutschland ist das Verständnis grenzenlos, man steht Kazuo Katases Wahrheiten offener gegenüber. Hier spürt man noch so etwas wie Weltvernunft. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre fing Katases Auseinandersetzung mit dem Buddhismus und damit mit seiner japanischen Identität an. In dieser Zeit ging es mit der konzeptionellen Kunst zu Ende und Kazuo Katase hatte ein Identifikationsproblem. Durch seine japanische Herkunft und seinen deutschen Wohnsitz kommen in seinen Kunstwerken immer Tendenzen beider Kulturen zum Vorschein. Obwohl die meisten seiner Kunstwerke gegenwartsbezogen sind, ist das nur indirekt von Katase beabsichtigt. Ihn beschäftigt mehr sein eigener Prozeß seine Arbeiten haben jetzt mit Älterwerden, mit Wachsen oder mit Entwickeln zu tun. "Am Anfang stand ja die Wanderzeit. Da war es nötig, viel Erfahrungen zu sammeln, viel auszuprobieren. Das bedeutet sich zu erfahren. Das ist etwas sehr Wichtiges! Es gilt, ein Fundament zu bauen, um zu weiteren Wegen zu kommen." Für Kazuo Katase darf Kunst nicht nur im Atelier bleiben und sich mit Problemen der Intellektuellen auseinandersetzen, sondern muß sich mit Gesellschaft auseinandersetzen. Um neue Realität und neue Lebendigkeit zu entwickeln, muß Kunst noch verstärkter in die Gesellschaft eindringen. In jeder Arbeit muß ein Gott stecken, und wir müssen absolut sein. Kunst und Kultur bekommt einen hohen Stellenwert, sobald Religion und andere geistige Aktivitäten nicht funktionieren.

Jahresarbeit von Monika Reschka

Nachwort zur Jahresarbeit

 
Weitere Informationen zu Kazuo Katase
 

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u.a. aus: Skulptur in Freiburg, Kunst des 20. Jahrhunderts im öffentlichen Raum;
Herausgegeben von Michael Klant in Zusammenarbeit mit Oliver Dieskau;
mondo verlag GmbH, Freiburg im Breisgau, 1998, ISBN 3-922675-76-X

sowie Unterlagen des Verwaltungsreferats des Neurozentrums.

 

 

 

 

unterer Abschluss
Impressum